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Die Tabelle lügt nicht

Umkämpfte Schlussphase: Leander Lask (re.) und Türkgücüs Florian Mayer sehen den Ball vor lauter Zweikampf nicht. Zu diesem Zeitpunkt saß in Alexander Weiser (li.) ein wichtiger Dachauer Spieler auf der Bank, er hatte sich ohne Fremdeinwirkung eine Wadenverletzung zugezogen.

(Foto: Toni Heigl)

In Dachau zeigt sich: Türkgücü weiß immer eine Antwort. Der Aufstiegsfavorit macht sich selbst das Leben schwer, verteidigt aber seinen Elf-Punkte-Vorsprung.

Von Christoph Leischwitz

Die letzten Sekunden schmolzen dahin, an der Wange von Pablo Pigl. Der 26-jährige Angreifer des SV Türkgücü-Ataspor war zwar erst in der 63. Minute eingewechselt worden, trotzdem musste er noch vor dem Schlusspfiff schon wieder vom Platz. Er war beim Sprint in den gegnerischen Strafraum gefallen und mit dem Gesicht an das Knie von Dominik Schäffer geknallt. Nach einer lange Behandlungspause ging er dann, einen Eiswürfel fest gegen den Kieferknochen gedrückt, zurück zur Bank. Auch wenn das in diesem Moment recht schmerzhaft für Pigl gewesen sein dürfte, so half es dem Tabellenführer der Bayernliga Süd aber auch, die knappe Führung über die Zeit zu bringen – so, wie ihm das eigentlich immer gelingt. In gewisser Weise war es diesmal aber noch knapper zugegangen als sonst bei den Ein-Tor-Differenz-Spezialisten von Trainer Andreas Pummer: Dem TSV 1865 Dachau war erst kurz zuvor der Ausgleich gelungen. “Entscheidend für mich ist, dass meine Mannschaft die Moral hat, noch den Sieg zu holen”, sagte Pummer. Tabellenführer Türkgücü gewann 2:1.

Bis vor diesem 20. Spieltag hatte der Favorit gerade einmal zehn Gegentore hinnehmen müssen, bei Gegner Dachau, immerhin auch ein Spitzenteam, waren es fast dreimal so viele (29). Dennoch leistete sich der sonst so souveräne Defensivverbund Türkgücüs diesmal bislang selten gesehene Schwächen. Wenngleich auch nicht mehr als zwei, eine zu Beginn und eine gegen Ende der Partie.

In der vierten Minute hätte Dachaus Torjäger Christian Doll mit einem Geistesblitz beinahe die gesamte Abwehr düpiert. Als alle mit einer Hereingabe rechneten, drosch Doll aus spitzem Winkel den Ball Richtung Tor – Türkgücü-Keeper Issa Ndiaye konnte nur zusehen, wie der Schuss gegen die Latte klatschte. “Wir haben es in der ersten Halbzeit gut gemacht, das Spiel war ausgeglichen, wir hatten einige Chancen”, sagte der spielende Co-Trainer Alexander Weiser. Der Matchplan sei soweit eigentlich aufgegangen. “Und dann bekommen wir mit der ersten Chance das 1:0“, ärgerte sich Weiser. Da hatte die individuelle Klasse den Ausschlag gegeben: Masaaki Takahara hatte auf der rechten Außenbahn gleich mehrere Spieler ausgetanzt, darunter auch Weiser, und dann auf den frei stehenden Luka Odak gepasst. Der hatte im Sechzehner so viel Platz, dass er unbedrängt einschoss (21.).

Die zweite Abwehrschwäche des Favoriten: In der 76. Minute zeigte sich, dass es sich ab und zu schon lohnen kann, wenn man die sonst so routinierten Defensivspieler auch mal unter Druck setzt. Zunächst spielte der regionalligaerprobte Mats Neumann einen Fehlpass, weil der regionalligaerprobte Takahara dem Ball nicht entgegenging. Der Pressschlag landete beim drittligaerprobten Stephan Thee, der den Ball aber nicht unter Kontrolle bekam und dann einen viel zu kurzen Rückpass spielte. Den Bruchteil einer Sekunde war Mario Maric vor Torwart Ndiaye am Ball und traf damit zum Ausgleich. “Das waren die Situationen, die wir provozieren wollten, wir wollten möglichst auch vorne schon Bälle gewinnen”, sagte Dachaus Spielertrainer Fabian Lamotte, der diesmal wieder auf der Bank saß. Eigentlich hätte man einen Punkt verdient gehabt für eine couragierte Leistung, “aber wenn du in der Schlussminute einen Elfmeter gegen dich bekommst – ist halt bitter”, sagte er.

Für Türkgücü-Coach Pummer war der zweite Treffer kurz vor Schluss kein Zufall, sondern ein Zeichen mentaler Stärke: Arbnor Segashi hatte mit einer Flanke Yasin Yilmaz am Fünfmeterraum gefunden. Yilmaz schoss aufs Tor, und wenige Sekunden später holte Schiedsrichter Maximilian Riedel die rote Karte aus der Tasche und hielt sie dem entsetzten Dachauer Stefan Vötter vor die Nase. Dazu gab es Elfmeter, den Pigl, kurz vor seiner verletzungsbedingten Auswechslung, sicher verwandelte (89.). Pummer und der neue Türkgücü-Manager Robert Hettich lagen sich in den Armen. Dachaus Co-Trainer Weiser, der ebenfalls in diesem Spiel verletzt ausgewechselt wurde, sagte anschließend: “Er bekommt den Ball an die Schulter und sieht dafür Rot. Ich hoffe, der Schiedsrichter schaut sich das später noch mal an.”

“Fehler passieren”, sagte Pummer dann noch über das zwischenzeitliche 1:1, er hörte sich sehr gelassen an dabei. Türkgücü hat seinen Elf-Punkte-Vorsprung auf den TSV Kottern verteidigt, der ebenfalls gewann. “Ich kann die Tabelle lesen”, sagte Pummer. Aber: “Wir müssen demütig bleiben. Im Winter ist noch niemand Meister geworden.” Man wisse nie, wie man aus der langen Pause komme und wer dann womöglich alles fehlt. Mit anderen Worten: Wenn es normal läuft, ist Türkgücü der Aufstieg nicht mehr zu nehmen.